Himmelsglobus

Jungfrauen tanzen auf den Tischen

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“Sehr schlimm: eingeladen sein, wenn zu Hause die Räume stiller, der Cafe besser und keine Unterhaltung nötig ist.” Gottfried Benn, seines Zeichens ein Stier, leiht mit diesen Zeilen auch dem Skorpion seine Stimme. Kann man diesen jedoch nur mit Erpressung auf ein Fest hieven, so kommt der Stier dann doch, weil er einfach zu verfressen ist. Er versammelt sich gerne mit seinesgleichen in der Nähe des Buffets und bildet dort Inseln der Ruhe, von denen man nur genießerische Gesprächsfetzen hört, die von weitem in ein undeutliches Murmeln und Mampfen übergehen. Solange man sie in Ruhe läßt, bleiben sie friedlich. Aber man sollte nicht versuchen, in ihre Runde einzubrechen. Denn wenn ein einzelner Stier sich irgendwo niederläßt, steckt er sofort instinktiv sein Revier ab. Er betrachtet seinen Stuhl als seine Immobilie, von dem er nur aufsteht, um zum vierten Gang zu schreiten oder wenn er nach Hause geht. Nimmt man ihm seinen Platz weg, empfindet er das als Enteignung, – eine Schmach, die nur mit Rückgabe und vielen Entschuldigungen wiedergutzumachen ist.

Der Widder dagegen fühlt sich auf einem Fest immer leicht deplaziert und trachtet danach, die Wohnung seines Gastgebers in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Wenn er sich über irgend jemanden ärgert – und er findet immer einen –, veranstaltet er ein wahres Scherbengericht, auch im wörtlichen Sinne. Wo böse Worte fallen und hochrote Köpfe zu sehen sind, ist stets ein Widder dabei. Auch bei lautstarken Diskussionen findet man ihn. Alkohol dämpft seine Streitlust, aber dann wird er philosophisch, was für einen Widder, gelinde gesagt, ungewohnt ist. Am besten ist es, ihm eine Tanzfläche zu bieten. Eine sich sportiv wiegende Widderfrau ist wenigstens aufgeräumt und oft ein ästhetischer Anblick.

Ein Zwilling wird mit “zielloser Erregung” zu einem Fest eilen, so die Selbstbeschreibung eines Zwilling-Mannes. Er darf einfach nicht fehlen. Er liefert den neuesten Klatsch, die neuesten Witze, er verbreitet die Champagnerstimmung, die das Fest gelingen läßt. Fühlt er sich wohl, dann brennt er seine geistreichsten Feuerwerke ab, oder, wie er es ausdrückt: “Wenn man mir vertraut, fange ich an zu flirren.” Ein Nachteil seiner Unermüdlichkeit liegt vielleicht darin, daß er noch zugange ist, während die Gastgeber schon längst ins Bett getropft sind.

So ausdauernd ist nur noch das andere merkuriale Zeichen, die Jungfrau. Sie kommt, wie der Zwilling, nie zu spät und geht nie pünktlich, aber aus einem anderen Grund. Sie kümmert sich um alles, um fehlendes Besteck genauso wie um fehlende Inspirationen. Wenn sie das nicht kann, weil beides schon da ist, wirkt sie manchmal etwas ungeliebt und schüchtern wie der Steinbock. Aber auch die Jungfrauen entwickeln sinnliche Fähigkeiten, die sie ziemlich unvermittelt einsetzen. Langweilen sie sich oder ihre Umgebung, greifen sie manchmal zu drastischen Mitteln, um sich bemerkbar zu machen. Sie tanzen auf Tischen oder ziehen sich aus. Jungfrau-Männer verlegen ihre Aktivitäten unter den Tisch und massieren gekonnt das Bein ihrer Nachbarin. Für die Gastgeber sind sie ein Geschenk, schon weil die Jungfrau, wenn sie als letzte gegangen ist, die Gläser weggeräumt, die Spülmaschine angeworfen und das Licht ausgemacht hat.

Haben wir jemanden vergessen? Nein, denn der Löwe gehört eigentlich nicht in die Rubrik der Gäste. Er liebt es, Gastgeber zu sein. Nie und nimmer ein Gastwirt, das überläßt er einem Krebs oder einem Stier. Hier muß man allerdings zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Männer dieses Zeichens sind großartig, aber extrem faul. Rauschende Feste gibt der Löwe nur, wenn er auf einem Thron sitzt wie der Sonnenkönig, der natürlich in diesem Sternzeichen geboren wurde. Die Frauen dagegen sind auch großartig, aber extrem fleißig. Buffets mag die Löwin nicht, weil sonst die Gäste drohen, einfach zu essen, was sie wollen. Und ein bißchen herrschsüchtig ist auch sie. Ihre Gastmähler haben manchmal den Beigeschmack von harter Arbeit. Sie bietet das legendäre Schlaraffenland, zu dem man ja nur gelangt, wenn man sich schon durch einen Berg von Brei gefressen hat. Einen Brei wird es bei ihr allerdings nie geben. Eher ein Amuse-Gueule und eine Terrine und eine soupe de poisson als Vorspeise, die sie erfindungsreich verlängern kann. Über den Hauptgang als Singular kann sie nur spotten, und ihre Nachspeisen gleichen der Auslage einer Confiserie. Ihr Lieblingsbuch ist “Babettes Gastmahl” von Tanja Blixen, an deren ausführliche Speisefolgen sie sich gewissenhaft hält. So mancher Gast ist an ihrem Tisch schon aus Erschöpfung eingeschlafen. Ebenso verschwenderisch und offenherzig ist sie mit ihren optischen Reizen. Aber die sind als Appetizer gemeint. Die entsprechende Hauptspeise wird Mann von ihr am selben Abend nicht bekommen. Der männliche Löwe dagegen fackelt nicht lange. Er verschlingt gerne noch vor dem Abschied ein appetitliches Kälbchen, und sei es an der Garderobe.

Im Zeichen der Sonne versammelten sich vom 15. bis 17. August 1969 eine halbe Millionen Menschen in Woodstock zum größten Open-air-Festival der Rockgeschichte. Warum, weiß man heute nicht mehr so genau. Aber vielleicht wollte ja auch nur ein Löwe seinen Geburtstag feiern.

This entry was published on December 26, 2014 at 4:22 pm. It’s filed under Ereignisse and tagged , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

2 thoughts on “Jungfrauen tanzen auf den Tischen

  1. Wunderbar, dieser Blog hat gefehlt und ist eine große Bereicherung!
    Man ist gespannt auf die kommenden Texte – vielen Dank!

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  2. Grossartig, Dein Blog, Schnupski !Nabe ihn verschlungen, weiter so !Keto

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